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Olivia's p.o.v.


Wie am Tag zuvor mit Stella verabredet, übernahm ich ihre Frühschicht Samstagmorgen im fab!. Zugegeben, ich war schrecklich müde und völlig verwirrt, aber die Ablenkung kam mir ganz willkommen. Die gestrige Nacht hatte mir mehr zugesetzt, als ich gedacht hätte – wenn ich gedacht hätte.
Nicht, dass ich bereute, was passiert war, aber ich war nicht bereit dafür. Nicht bereit für etwas Bindendes. Nicht bereit für etwas, dass mich zerbrechen könnte.
Trotzdem konnte ich den Kuss – oder eher – die Küsse – nicht rückgängig machen und ich bereute es auch nicht. Vielleicht ein bisschen.
Die Erinnerung war schön und doch tat es weh. Mein dicker Kopf und die Mauer um mich herum waren gebrochen und ich konnte nichts dagegen tun. Er hatte sich durchgefressen bis in die hinterste Ecke meines Herzen und seine Zotten ausgestreckt wie ein befruchtetes Ei sich in die Gebärmutter verhakt, um bloß nicht mehr loszulassen. Und wenn er sich irgendwann rausreißen würde, würde er eine riesige, blutende Wunde hinterlassen. Schlimmer als Jonas es je hätte tun können.

Mit einem tiefen Seufzen band ich die schwarze Schürze um meine Hüften fest, das weiße Logo des fab!'s sichtbar an der unteren Seite über meinem Knie. Ich band mir die Haare zu zwei halb geflochtenen Zöpfen, dann trat ich langsam vor und lehnte mich an die Bar. Es waren noch keine Gäste da.

Als ich abends meine Sachen wieder zusammenpackte und mich von ein paar Kollegen verabschiedete, wollte ich eigentlich nur noch in mein Bett gehen. Ab zwölf war das fab! plötzlich völlig überfüllt gewesen und wir kamen kaum mit den Bestellungen nach. So sah es auch jetzt noch draußen aus, aber das war das Problem der späteren Schicht.
Am nächsten morgen in meiner eigenen Schicht, war das ganze Gott sei Dank etwas gelassener. Es kamen nur ein paar Leute zum Frühstücken. Gegen zwölf Uhr, ich hatte gerade meine Jacke angezogen und die dunkelbraune Tasche geschultert, fing mein Handy lauthals an zu klingeln. Bei den bekannten Tönen zuckte ich leicht zusammen, dann zog ich es aus meiner Hosentasche und schmunzelte, als ich Richies Nummer erkannte.
„Hey!“, meldete ich mich und klemmte das Handy zwischen Schulter und Ohr, um meine Tasche richtig hochzuziehen und mich noch an der Bar zu verabschieden, indem ich den zwei jungen Männern kurz winkte und dann durch die große Tür nach draußen verschwand.
„Bist du zu Hause?“, kam mir die ungewöhnlich raue Stimme entgegen ohne mich zu begrüßen und ich blieb abrupt stehen.
„Ähm... ich bin gerade aus dem fab! raus. In einer halben Stunde bin ich zu Hause. Wieso? Was ist passiert?“, fragte ich dagegen und ein langezogenes Seufzen quitierte meine Frage,
„Bleib wo du bist, ich bin in zwei Minuten da!“, dann tutete es leise und ich starrte verwundert das kleine Gerät in meiner Hand an. Was war das denn? Kein Hallo, kein Tschüss, keine Information, nur eine Aufforderung und eine Tatsache, mit der ich mich abfinden sollte.
Tatsächlich hielt der schwarze Range Rover keine zwei Minuten später direkt neben mir.
Ich stand neben der Beifahrertür, die Arme verschränkt, und starrte Richie kurz durch das abgedunkelte Fenster an, dann griff ich nach der Tür und stieg ein.
„Was ist los?“, fragte ich sofort, aber er fuhr schon wieder los, ehe ich mich angeschnallt hatte.
„Chris ist ausgestiegen!“, seine Stimme zitterte etwas und wieder war da dieser raue Unterton, der mich etwas zurückschrecken lies.
Mich erschreckte die Nachricht natürlich eher weniger, schließlich wusste ich, dass Chris das vor hatte. Ich dachte nur nicht, dass es so plötzlich kommen würde und war eigentlich in der Annahme gewesen, dass er noch länger oder vielleicht sogar doch weiterhin bleiben würde.
„Oh... das ging aber schnell!“, murmelte ich zu mir selbst und Richie warf mir einen kurzen Blick zu, ehe er wieder starr auf die Straße starrte.
„Was?“, fragte er etwas gereizt und ich lehnte mich im Sitz zurück.
„Er... hatte vor ein paar Tagen sowas angedeutet...“, murmelte ich leise und legte meine Tasche zu meinen Füßen.
Der blonde Amerikaner neben mir sah kurz so aus, als würde er mir den Hals umdrehen wollen, aber er sah mich nicht mehr an.
„Warum verdammt noch mal hast du das nicht gesagt?“, rief er dann etwas lauter als vielleicht gewollt und ich zuckte erneut zusammen.
„Weil ich es versprochen habe... ich dachte eigentlich er würde es sich anders überlegen. Ich wechsle meine Meinung doch auch ständig, wieso macht er das nicht?“, ich räusperte mich und Christopher schüttelte ungläubig den Kopf.
„Versuchst du abzulenken? Ella, Chris ist ausgestiegen. AUSGESTIEGEN. Verstehst du das? Das könnte das Aus von US5 sein, das könnte das Aus unserer aller Karrieren sein und du wusstest davon und hast NICHTS gesagt. Bist du bescheuert?“, er betonte das letzte Wort mit einer solchen Wucht, dass ich schwer schlucken musste.
Ich wusste zuerst gar nicht, was ich sagen wollte und als Richie auf die Autobahn auffuhr, traute ich mich auch nicht zu fragen, wo er überhaupt hinfuhr. Kurz war es still.
„Soll ich mal mit ihm reden?“, fragte ich dann leise und Richie schien sich wieder etwas zu beruhigen, als er vorsichtig den Kopf schüttelte.
„Er – ist nicht mehr hier. Er ist direkt nach dem Auftritt abgefahren. Nach Köln zu seinen Eltern. Heute morgen kam ein Fax.“, Richies Stimme wurde etwas leiser, man merkte ihm an, dass da mehr war, dass ihn bedrückte.
„Was?“, war aber nun ich diejenige, die nachfragte. Köln? Fax? Weltuntergangsstimmung?
„Er war gestern schon den ganzen Tag so komisch und nachmittags, als wir von der Bühne kamen, ist er direkt verschwunden, hat seine Sachen zusammengepackt und weg war er. Wir wussten überhaupt nicht was los war und sein Handy war plötzlich aus. Keiner wusste, wo er war. Und heute morgen um neun oder so kam ein Fax von ihm, ganz knapp, dass er in Köln bei seiner Familie ist, und dass er US5 verlässt und uns bittet, es zu verstehen. Mehr nicht.“
In meinem Kopf drehte sich alles, die Worte versuchten sich zusammen zu fügen und ein Bild zu ergeben. Einen Sinn. Er verabschiedete sich nicht, schickte ein Fax und das sollte es gewesen sein? Er verschwand in eine andere Stadt, fast 600 Kilometer von hier entfernt und DAS war ALLES?
Ich musste mir fest auf die Unterlippe beißen, um zurück in die Wirklichkeit zu kommen. Dann schüttelte ich den Kopf.
„Das- passt überhaupt nicht zusammen. Wieso sollte er ohne ein Wort verschwinden und- das...“, sofort riss ich meine Tasche wieder zu mir hoch und kramte das Handy heraus, dass ich nach Richies Anruf einfach hineingepfeffert hatte. Fast als wäre es in meinen Kopf einprogrammiert, wählte ich lange die Fünf und mein Handy wählte Chris Nummer.
„Der von ihnen gewünschte Gesprächspartner ist vorübergehend nicht zu erreichen, wird aber per SMS von Ihrem Anruf informiert!“, summte mir die weibliche, bekannte Stimme kurz darauf ins Ohr und ich legte wieder auf. Richie seufzte.
„Er hat sein Handy aus, seit er gestern gegangen ist.“, murmelte er und warf mir wieder einen kurzen Blick zu, diesmal besorgt.
„Weiß Lynn es schon?“, fragte ich nach einer kurzen Pause und er schnaubte kaum merklich, dann schüttelte er den Kopf.
„Zumindest nicht, dass ich es wüsste und wenn, dann nicht von mir.“, war alles, was er darauf sagte und ich wunderte mich etwas darüber, dass er sie nicht zuerst angerufen hatte. Wollte er, dass ich Bescheid weiß, weil ich mehr mit Chris selbst zu tun hatte, als Lynn? Aber war Lynn nicht sein absoluter Nummer-Eins Gesprächspartner?
Ich wollte nicht nachfragen – zumindest nicht gleich, also schwieg ich.
„GOTT!“, schrie Richie nach einer Weile des Schweigens plötzlich laut und knallte die Hände mit einer solchen Wucht auf das dicke Lenkrad, dass ich tiefer in den Sitz rutschte. Der Wagen brummte leise auf, als sich der Fuß des Blonden in das Gaspedal bohrte und der Tacho von 120 km/h auf 180 km/h überlief. Er überholte zwei Autos auf der unbegrenzten Strecke und dann erst wurde mir klar, dass wir nirgendwo hinfuhren.
Ein kleines Lächeln legte sich auf meine Lippen. Wenn ich wütend war, fuhr ich auch immer Auto, nur, dass die Schrottkiste meiner Eltern es nicht auf 180 brachte. Sie brummte bei 140 km/h schon böse und fuhr mit knappen 5000 Umdrehungen. Bei einer höheren Geschwindigkeit würde mir das Innenleben entgegenspringen.
„Vielleicht braucht er einfach eine kurze Auszeit, er hat in den letzten Tagen etwas angeschlagen gewirkt und wenn ich so darüber nachdenke, dann hat er seit ich euch kenne schon so komisch gewirkt. Vielleicht – reicht es ihm, wenn er ein paar Wochen seine Ruhe hat und dann kommt er zurück und alles ist wieder gut!“
Richie sagte nichts darauf. Er behielt sein Tempo bei und schien dabei einen ganzen Haufen angestauter Aggressionen zu bewältigen. So ein Glücklicher. Ich war nur der dumme Beifahrer.
Komischerweise hatte ich überhaupt keine Angst, dass er den Wagen im nächsten Baum parken würde, denn das war normalerweise bei anderen Leuten immer meine Sorge, je schneller sie fuhren.
Nachdem er die nächste Ausfahrt genommen hatte und über die Autobahn wieder den Rückweg suchte, wo die Schilder Hamburg mit nur noch 150 Kilometern ausgewiesen hatten, nahm das Tempo wieder ruhigere 130 km/h an und Richie ergriff wieder das Wort.
„Ich hab' mich vorgestern ganz schön mit Lynn gestritten!“, murrte er dann aus heiterem Himmel und ich drehte den Kopf wieder zu ihm, lehnte ihn aber an die Kopflehne.
„Weswegen? Ihr wart doch beide so gut drauf, nachdem Chris euch abgesetzt hatte!“
„Nachdem du angerufen hattest... man, Ella, ich hab sie geküsst und- dann meinte sie, sie könne das nicht und ich war plötzlich so wütend und- dann hat sich alles überschlagen. Und ich bin auch ehrlich gesagt immer noch wütend. Sie nutzt mich doch nur aus, genauso wie die Mädchen vorher auch. Nur tut sie es aus einem anderen Grund. Sie will Ryan vergessen und ich bin die willkommene Abwechslung. Das-“, ich unterbrach Richie in seinem Redeschwall.
„Sie nutzt dich nicht aus. Das kann ich dir schwören, Chris. Das würde Lynn nie machen. Und wenn du ihr genügend Zeit lässt, dann ist sie sicher irgendwann dafür bereit, aber- sieh mal, ihr kennt euch erst seit einem Monat – gut, vielleicht etwas länger, und sie soll sich, nachdem sie so enttäuscht wurde, sofort wieder auf jemanden einlassen, den sie eigentlich gar nicht richtig kennt? Weißt du, wie ich das meine?“
„Ja, ich kann das ja auch verstehen, aber so viel anders geht es mir da auch nicht und ich kann mich auf sie einlassen!“, fuhr er mich an.
„Chris.“, mahnte ich leise. „Lynn ist nicht du. Die einen können sich früher auf Neues einlassen, die anderen erst später!“, ich dachte zurück an den Abend, an dem Chris mich geküsst hatte und an das Gefühl, das mich durchströmt hatte – und an die Angst, die mir danach bis in die kleinsten meiner 206 Knochen stieg. ICH war nicht bereit.
„Ich halte es einfach nicht aus mich so lange hinhalten zu lassen. Ich weiß, dass sie die Richtige sein könnte, wenn sie es zulassen würde!“
Ich kniff die Augen bei seinen Worten schmerzhaft zusammen. Er erinnerte mich an Chris' Worte.
„Ich bin nicht Madelyn und ich kann dir nicht sagen, was in ihrem Kopf genau vor sich geht. Was ich sage, geht nur von mir aus. Aber manchmal ist die Angst vor etwas Neuem, etwas, das einen so sehr verletzen kann, dass man daran wirklich und vollkommen zerbrechen könnte, stärker als der Drang sich in etwas zu stürzen, dass einen für immer zum glücklichsten Menschen machen könnte, der man je sein kann. Verstehst du, es- ist einfacher fortzurennen und sich zu schützen, als mit offenen Armen in einen tiefen See voller Killerfische zu springen, ohne die Gewissheit gerettet zu werden.“
„Hm...“, machte er nur und schien etwas einsichtiger zu werden.
„Ich will damit nur sagen...“
„Ich glaube, ich weiß, was du sagen willst. Du hast ja Recht. Aber ich wäre da um sie zu retten. Vor den Killerfischen mein ich. Und wenn sie nicht schwimmen kann, dann auch vor dem tiefen See!“
Ich konnte nicht anders, als das breite Grinsen sich auf meine Lippen legte.
Richie fuhr auf die nächste Tankstelle an der Autobahn zu und hielt den Wagen neben einer der Tanksäulen. Wir waren seit über zwei Stunden in dem Wagen. Es war kurz nach zwei.
Wir stiegen beide aus und während der junge Mann um den Wagen ging, um den Tank zu füllen, lief ich ein paar Meter um mir die Beine zu vertreten und dann mit Richie die Tankstelle zu betreten.
Wer hätte es gedacht, aber als hätte ich es auf zehn Kilometer gegen den Wind gerochen, standen zwei Mädchen mit ihrem Vater an der Kasse und schrien auf, als sie uns – oder besser gesagt Richie sahen. Sofort stürmten sie auf ihn zu und wollten ein Autogramm.
Vielsagend drückte er mir seine EC-Karte und das Portmonee in die Hand und unterschrieb brav, was die Mädchen ihm hinhielten. Sogar mit Widmung.
Ich verdrehte nur die Augen und hielt der Frau an der Kasse die Karte hin.
„Die fünf!“, sagte ich.
Als sie mir den kleinen Kasten entgegen schob, in den ich den PIN eingeben sollte, seufzte ich.
„Tut mir Leid, du Superstar, aber ich kann nicht in deinen Kopf rein gucken. Den Code musst du selbst eingeben!“
Ein entschuldigender Blick, ein süßes „Sorry“ und er drückte sich an den Mädchen vorbei zu mir, schmiss ein Päckchen Kaugummis dazu und gab dann seinen PIN brav ein.